Ich bin traurig. Ich bin wütend. Beides aus unterschiedlichen Gründen. Heute ist ein trauriger Tag. Mal wieder. Denn auch heute wurden wieder Menschen bei ihrer Flucht über das Mittelmeer in ein besseres Leben getötet. Und heute ist es besonders traurig, denn es berührt mich direkt. Ich habe heute gesehen, wie der Körper eines kleinen Jungen mit dem Kopf im Sand lag. Er ist qualvoll ertrunken. Seine Leiche wurde am Strand bei Bodrum in der Türkei angespült. Seine Familie wollte mit ihm auf die griechische Insel Kos und von dort vermutlich weiter zu uns nach Deutschland, nach Großbritannien, nach Schweden. Mit ihm starben mindestens 11 weitere Menschen, darunter sein Bruder, seine Mutter. Es lagen weitere Leichen am dortigen Badestrand. Das macht mich traurig, weil schon wieder Unschuldige sterben mussten. Es macht mich wütend, weil unsere Politik den Flüchtlingen keine andere Möglichkeit gibt, anderweitig zu fliehen. Sie müssen beinahe ausschließlich illegal ins Land kommen, um Asyl beantragen zu können. Auch lässt man die Länder an den Außengrenzen mit der Bewältigung allein. Ich finde das als Mensch eine Schweinerei und ich finde es auch als Journalist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Ja, ich weiß, als Journalisten müssen wir neutral berichten. Aber ich glaube die Neutralität hat Grenzen.

Und genau deswegen wollte ich dieses Bild am Mittwochabend auch den Lesern des Berliner Kuriers Online zeigen. Damit sie auch traurig und wütend sein können über diese Politik. Damit auch die ganzen rechtslastigen Kommentatoren sehen, dass es hier immer noch um Menschen, mitunter auch Kinder geht. Damit es auch Politiker sehen und endlich etwas ändern. Und damit es auch Menschen in Regierungsverantwortung sehen und es vielleicht eine ihrer Handlungen auch nur ein wenig beeinflusst. Doch das blieb mir verwehrt. Leider hat unsere monopolistische Nachrichtenagentur dpa entschieden, dass dieses Bild den deutschen Lesern besser erspart bleiben soll. (Anmerkung: Ich bin ein Freund der dpa, habe selber dort gearbeitet und würde das auch wieder, aber es ist de facto für einige Lokalzeitungen die einzige Nachrichtenagentur, da viele nur sie beziehen). Als ich in der Bildredaktion von dpa anrief hieß es nur: „Wir müssen ja nicht jedes Bild rausschicken“.

Nur um es mal zu verdeutlichen: Wir reden hier von einem Bild, das am Donnerstag nahezu alle englischen Zeitungen auf der Titelseite haben werden, einschließlich des Guardian und des Independent. Ein Bild, was also durchaus Potenzial hat, zu einer Bildikone der Zeit zu werden. Mir ist dabei bewusst, dass das Bild brutal ist. Dass darauf ein totes Kind zu sehen ist.  Deshalb: Nicht jedes, aber dieses!

Ich glaube, dass es genau dieses Bild braucht, um die Menschen wachzurütteln, was dort draußen vor den Außengrenzen der EU täglich für Dramen passieren. Dass es genau dieses Bild braucht, um diesem unglaublichen Leid ein Gesicht zu geben. Dass es genau dieses Bild braucht, um sich in das Gedächtnis der Leute zu brennen, damit sie beim nächsten Facebook-Post überlegen, bevor sie schreiben. Damit die Politiker überlegen, bevor sie wieder gegen Flüchtlinge hetzen. Und ich will es auch, damit wir Journalisten uns daran erinnern, dass diese Tragödie auf europäischem Boden Millionen Gesichter hat, wie die des kleinen Jungen am Strand.

Und genau deswegen finde ich die Entscheidung der dpa-Bildredaktion falsch. Zumal wir zuvor schon einige Hinweise von Lesern hatten, die uns angeregt haben es zu zeigen. Ich traue den Kollegen in den meisten Medien durchaus zu, dieses Bild in der Berichterstattung so einzusetzen, dass die Menschen es einordnen können und Hintergründe zu erklären. Und sei es verpixelt – was unter anderem einige der englischen Zeitungen getan haben. Das sage ich trotz des Kühllasterbildes, welches unter anderem die Bild abgedruckt hat. Trotzdem denke ich , dass man den Lesern durchaus mal etwas zumuten kann. Besonders in Anbetracht dessen, dass wir als Medien ihnen jeden Tag mitunter andere brutale Bilder zeigen oder auch nur die Vorstellung darüber wecken, indem wir über den IS, Hichrichtungen und Kriegsverbrechen berichten. Ich glaube daher, dass viele Menschen schon so abgestumpft sind, dass es ein sehr krasses Bild braucht, um sie überhaupt noch zu erreichen. Die heutige Zeit ist sowieso grausam. Und vielleicht braucht es eben genau dieses Bild, damit sie irgendwann wieder menschlicher wird. Das sage ich nicht nur als Journalist. Sondern als Mensch.

Deshalb, liebe dpa, bitte sendet dieses Bild!

Update: Mittlerweile hat dpa das Bild gesendet. Am frühen Morgen ging es verpixelt in den Dienst. Leider zu spät für sämtliche Tageszeitungen. 

Mehr zum Thema:

Einen Beitrag, den ich gern gelesen habe, dessen Argumente ich aber schon kenne und in diesem Fall, anders als beim Kühltransporter-Bild, persönlich nicht für richtig halte, findet ihr bei Udo Stiehl.

Der Medienethiker Alexander Filipovic hat sich zum Thema in einem Interview mit Spiegel Online geäußert.

Eine sehr kluge Argumentation gibt es von Rüdiger Schaper beim Tagesspiegel.

Eine umfassenden Diskussion zu dem toten Jungen findet sich auch bei Meedia.

Seltsam übrigens: Selbst beim Bildblog ist man sich über das Thema nicht einig, obwohl man dort (meist völlig korrekt) eher zur Verpixelung neigt. Daran zeigt sich, wie gespalten wir Medienmenschen sind. Und diese Diskussion ist traurig aber wichtig.

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