Trauer und Anteilnahme in Oslo sind groß. Foto: Marianne H. Evensen
Trauer und Anteilnahme in Oslo sind groß. Foto: Marianne H. Evensen

Es ist nicht einfach nur traurig, was auf das Papier gedruckt wurde. Es ist peinlich und teilweise sensationslüstern. Thüringen und Sachsen-Anhalt blieben nicht verschont von schlechter Berichterstattung zu dem Bombenattentat in der norwegischen Hauptstadt Oslo und dem anschließenden Massaker auf der Insel Utoya. Der Attentäter wurde dabei stilisiert, genau wie er das minutiös geplant hatte. Und dann kam es auch noch zu einigen schaurigen Fehlern.

Der geneigte Leser der Weimarer Ausgabe der Thüringischen Landeszeitung war sicher etwas schockiert über die Titelseite seiner Hauszeitung am Sonnabend:

TLZOslo

Das Blatt aus dem Hause des Essener WAZ-Konzerns, aus dem auch die Thüringer Allgemeine und die Ostthüringer Zeitung stammen, titelte mit den Anschlägen in Oslo, während die Leser daneben aus dem Lokalteil etwas über die „Ausgezeichnete ‚Bacchus Bombe‘“ erfahren konnten. Dabei handelte es sich um ein Kunstwerk welches den Grafe-Kreativ-Preis in Weimar erhalten hatte. Und das obwohl man genau so gut mit zwei anderen Kunstwerken hätte titeln können. Den Preis teilte sich der Künstler Martin Schade nämlich mit Jörg Brinkmann und seiner Videoarbeit „Simulation“ und Rosemarie Weinlich für die Installation „Habitat“. Hätte allerdings nicht so gut geklungen, „Ausgezeichnete Simulation“ oder „Ausgezeichnetes Habitat“. Trotzdem fragt man sich danach: Warum ist dieses makabre Missgeschick niemand aufgefallen?

Echte Experten?

Und wer jetzt denkt das wäre für eine Ausgabe Fauxpas genug, der irrt. Leider. Stefan Niggemeier hat bei FAZ.NET bereits auf die falschen Schlüsse der Kommentatoren im deutschen Fernsehen hingewiesen und darauf, dass viele Medien gerne in die Kerbe des islamistischen Terroranschlags gehauen haben. Wie sich im Nachhinein herausstellte zu Unrecht. Und auch die Zeitungen waren vor solcherlei Falschdeutungen nicht gefeit. Auch die Thüringische Landeszeitung schürte in ihrer Ausgabe vom Sonnabend diese Ängste. Im Innenteil, auf der fünften Seite, fand der Leser eine Sonderseite rund um die Schreckenstat. In dem Artikel „Machtlos gegen Einzeltäter“ den man von der Nachrichtenagentur dapd übernommen hat, wird in vier Spalten darüber spekuliert, welche Auswirkungen ein islamistischer Terroranschlag auf Deutschland hätte. So würden die deutschen Sicherheitsbehörden besonders die „stillen Beobachter“ unter den Islamisten in der Bundesrepublik fürchten. Es gäbe „versierte Beobachter“ die sich mit den Schwachstellen der deutschen Sicherheitsarchitektur perfekt auskennen würden. Unter den Islamisten seien auch Selbstmordattentäter und dagegen sei man „völlig machtlos“, wird ein Experte zitiert. Im ganzen Agenturtext bleibt allerdings völlig unklar, wer der „Sicherheitsexperte“, der „Sicherheitsfachmann“ oder noch allgemeiner „die Experten“ sein sollen. Üblicherweise sollte man zumindest darauf hindeuten, aus welchen ungefähren (also nicht nur Sicherheits-)Kreisen die Experten stammen. Man hätte auch einfach jemanden befragen können, der sich mit solchen Aussagen zitieren lässt. Dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt hat sich mittlerweile für den Artikel entschuldigt. Die TLZ bisher nicht. Obwohl sie dazu laut Ziffer 3 des Pressekodex verpflichtet ist.

Die Chronik eines anderen Ereignisses

Und zu allem Überfluss findet man daneben noch eine Chronik aller Terroranschläge mit islamistischen Hintergrund in Skandinavien. Interessant, aber leider war der Zusammenhang zur Zeit des TLZ-Redaktionsschluss schon erheblich in Zweifel gezogen. Heute weiß man, dort hätten nicht der Axt-Angriff auf den Karikaturisten Kurt Westergaard und solcherlei Vorfälle aufgelistet sein müssen. Sondern vielmehr die Anschläge des „Una-Bombers“ Ted Kaczynski oder der Anschlag von Timothy McVeigh in Oklahoma City 1995. Beide waren Fanatiker aus einer ähnlichen Gedankenecke wie der Osloer Attentäter. Bleibt nur zu erwähnen, dass das Schwester Thüringer Allgemeine in seiner Berichterstattung deutlich zurückhaltender blieb.

Dem Täter die Inszenierung überlassen

Wer sich nun bei der Thüringer Allgemeinen aber in einem sicheren Zeitungshimmel wähnte, wurde am Montag ebenfalls enttäuscht. Leider hat das Flagschiff der Thüringer Blätter nichts aus den Rügen des Presserates für die Fehler drei anderer Zeitungen und der Kritik an der Berichterstattung vieler Medien über den Amoklauf in Winnenden im Jahr 2009 gelernt. Auf Seite 3 ist der Täter in einer von ihm angefertigten Fotomontage mit Sturmgewehr zu sehen. In Bezug auf die Berichterstattung zu Winnenden hatten die Kriminologin Britta Bannenberg und der Polizeipsychologe Joachim Kersten in einer Sendung von Report Mainz im Jahr 2009 kritisiert, „durch das Abbilden des Täters mit Waffe, einen Anreiz für potenzielle Nachahmungstäter zu schaffen“. Britta Bannenberg, die Professorin für Kriminologie an der Universität Gießen ist, erklärte damals in der Sendung: „Man darf die Täter mit Waffen in irgendeiner Form von Verkleidung überhaupt nicht zeigen. Das ist etwas, was eine Vorbildwirkung hat für andere Tatgeneigte und was völlig abzulehnen ist.“ Solche Darstellungen seien, so Britta Bannenberg – bei Nachahmungstätern beschlagnahmt worden.

Die Mehr-als-Täter-Versteher

Noch schlechter erwischte es die Leser der, mit seinem Verbreitungsgebiet an Thüringen angrenzenden, Mitteldeutschen Zeitung. Auf der Titelseite der MZ stand heute in Anführungsstrichen:

MZOslo

Die Gänsefüßchen relativieren den Satz jedoch kaum. Nur die viel kleineren zwei Unterzeilen tun dies. Doch so allein gestellt wird das angebliche Zitat von keiner vergleichbar großen Schrift in den Zusammenhang gestellt. Für manchen entsteht der Eindruck, die MZ sei der Meinung des Täters. Dabei ist noch nicht einmal belegt, dass dieser den Satz wörtlich gesagt hat. Denn in den Agenturmeldungen wird lediglich dessen Anwalt mit der indirekten Rede des Satzes zitiert. Die Thüringer Allgemeine beispielsweise gibt das in ihrem Artikel am gleichen Tag korrekt wieder.

Raum für krude Thesen

Neben dieser verfehlten Betitelung wird den kruden Thesen des Attentäters noch der halbe Aufmacher der Titelseite und der komplette Aufmacher der zweiten Seite gewidmet. Auf der zweiten Seite prangt dann auch wieder das selbstinszenierte Bild des Attentäters, welches ich schon in der TA kritisiert habe. Was mehr als dass dieser Mann größenwahnsinnig und hasserfüllt war gibt es aber sonst noch zu verstehen? Der Attentäter hat in seinem Manifest minutiös dargelegt, wie er vorgehen würde. Er will sich durch seine Tat stilisieren. Und er will gehört werden, sonst hätte er sich, wie andere Attentäter, selbst gerichtet. Und diesen Raum scheint man ihm nur allzu gern zu geben. Man wird das Gefühl nicht los, dass viele Zeitungen das Attentat als willkommene Abwechslung zum Sommerloch sehen. Und wer achtet da noch auf Ziffer 11 des Pressekodex?

Viele Norweger wünschen sich andere Berichterstattung

Angesichts dieser Berichterstattung will ich folgenden Text von einer befreundeten norwegischen Bloggerin – Marianne H. Evensen nicht unterschlagen. Nach dem Attentat waren wir bereits in Kontakt. Wie das ganze Land steht auch sie unter Schock. Ich habe Sie dennoch auf die Medienberichterstattung zum Attentat angesprochen und darauf kam folgende bewegende Antwort von ihr: 

„Es ist unmöglich zu verstehen, wie krank die Ideen und Ansichten dieses Mannes sind. In einer Zeit von Trauer und Schock sucht man Information, Wissen. Warum ist so etwas passiert? Doch die Gedanken dieses kranken Menschen werden uns keine Befreiung geben. Sie werden uns keine Antworten geben, die wir jemals verstehen werden. Man wird nie verstehen, warum jemand rechtfertigen kann, so viele junge Menschen getötet zu haben, weil sie an eine bessere Welt glaubten, eine multikulturelle, eine in der wir uns alle als Brüder und Schwestern sehen. Dieser Mann wollte Aufmerksamkeit. Und egal wie sehr wir nach Antworten für diesen unvorstellbaren Horror suchen, werden wir keine Antworten bekommen.“

In der Medienberichterstattung solle man den Opfern daher auch vielmehr Raum einräumen. Es lohnt sich nicht sich mit den Gedanken des Attentäters zu befassen. Deshalb wies Sie mich auf den Aufruf von vielen Norwegern hin, welche um mehr Raum für die Trauer und die Hoffnung in Norwegen bitten:

„Geben Sie diesem Mann nicht was er verdient. Aufmerksamkeit der Medien. Aufmerksamkeit die ihn für manche zum Helden machen kann. Geben Sie diesem Mann keine Chance erinnert zu werden. Das Böse hat es nicht verdient zu gewinnen und genau damit bekommt er, was er wollte. Zeigen Sie der Welt lieber, dass wir zusammenstehen. Zeigen Sie der Welt, dass nur mit Liebe und Einheit wir eins sein werden und damit die Angst besiegen können.“

Besser kann man es kaum ausdrücken. Insofern kann ich diese Worte nur als besten Beweis dafür nehmen sich die Worte auch inhaltlich zu Herzen zu nehmen.

Trauer und Anteilnahme in Oslo sind groß. Foto: Marianne H. Evensen

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