spiegelAchtung es kommt ein sensibles Thema. Mehrere deutsche Medien haben in den vergangenen Tagen über die Ausweisung einer Gruppe orthodoxer Juden aus einem Dorf in Guatemala berichtet. Der bloße Fakt erschreckt natürlich und bei nicht wenigen gehen hier die Alarmglocken an. So heißt es beispielsweise auf der Seite von Spiegel Online dazu:

„Die Indios werfen den streng orthodoxen Juden vor, sich nicht an die Gepflogenheiten des Dorfes zu halten und den sozialen Frieden zu gefährden. Beispielsweise würden sie die Bewohner nicht grüßen und sich weigern, in den Geschäften handelsübliche Preise zu bezahlen. Der Sprecher der Juden warf den Indios im Gegenzug Diskriminierung vor.

Nun ist das Verweigern des Händeschüttelns natürlich kein Grund jemanden aus dem Dorf zu treiben. Und schlimmer sogar, denn wie Spiegel Online und DW berichten, drohten die Dorfbewohner sogar die orthodoxen Juden zu lynchen, wenn sie bleiben würden. Beides ist ohne Frage widerwärtig. Niemand sollte von irgendwo vertrieben werden.

Aber aus einem Fall von krassem Antisemitismus kann mit etwas Recherche auch ganz schnell der Konflikt mit einer ultraorthodoxen Sekte werden, die auch unter Juden höchst umstritten ist. Dazu muss man sich nur mal ein paar israelische und englischsprachige Medien zum Thema durchlesen und es mit etwas Wissen über ultraorthodoxe Juden verbinden. So habe ich mir nach Lesen des Spiegel-Online-Artikels (der auf Agenturmaterial beruht) die Frage gestellt, warum die Juden ausgerechnet in Guatemala siedeln? So schrieb auch Deutsche Welle, seien sie erst seit maximal sechs Jahren dort, einige erst wenige Monate. Keine Antwort in der deutschsprachigen Medienwelt.

Vorher schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten

Eine einfache Suche bei Google News bringt mich auf die Seite der israelischen Zeitung Haaretz – die definitiv des Antisemitismus unverdächtig sind. Dort wird die Gruppe als Sekte und als „jüdische Taliban“ bezeichnet. Wie der Toronto Star weiter berichtet, wurde die Gruppe wegen Kindesmisshandlungs-Vorwürfen („child abuse“) in Kanada juristisch verfolgt. Sie sind also vor dem kanadischen Gesetz nach Guatemala geflohen. Kinder sollen mitunter schon im Alter von 13 Jahren verheiratet worden sein. Zudem wurden sie dem Schulsystem vorenthalten. Mehrere Kinder befinden sich noch in der Obhut kanadischer Behörden. Ähnliche rechtliche Probleme hat in Deutschland auch die „Zwölf Stämme“-Sekte. Wenn die plötzlich aus ihren Dörfern vertrieben würden, würde das höchstwahrscheinlich kein solches Aufsehen erregen.

Bei abc-News gibt es dann ein weiteres Puzzleteil (aus Agenturmaterial von AP auf das auch dpa und Spiegel Online Zugriff haben müssten). Dort heißt es:

„On one occasion there was a tourist taking pictures of a hill and the Jews thought he was taking photos of them and they clashed,“ Ixtamer said.

Ergo: Die Ultraorthodoxen haben Touristen angegriffen, als diese das Dorf (und möglicherweise die Juden dort) fotografiert haben. Das ist übrigens auch in den orthodoxen Stadtteilen von Jerusalem ein Problem. Dort wird man auch gerne mal mit Steinen beworfen, wenn man fotografiert. Recht am Bild hin oder her, ist das natürlich etwas schlecht in einem Dorf, was vom Tourismus lebt, wie die Einwohner angeben (Guatemala ist ein Touristenmagnet wegen diverser Maya-Pyramiden etc). Bei den deutschsprachigen Medien wurde übrigens nur erwähnt, dass es Konflikte mit Touristen wegen des Fotografierens gab.

Die Suppe wird zu heiß gegessen

Eine der anderen Gründe ist jedoch auch nicht zu vergessen. Die Indios geben an, dass sie ihre Kultur vor den fremden Einflüssen schützen müssten. Ob nun ein Kühlschrank aus amerikanischer Produktion weniger Einfluss hat, vermag ich nicht zu sagen. Aber sicher wird es dort keine Einigung geben, solange die Ultraorthodoxen die Gesetze und lokalen Gepflogenheiten nicht anerkennen. Das ist aber leider aufgrund der Überzeugungen ihrer Sekte wohl kaum zu erwarten. Insofern ist dieser Konflikt weniger von Antisemitismus geprägt, als von dem Streit mit einer verbohrten Bewegung, die genauso gut christlich, muslimisch, buddhistisch oder atheistisch sein könnte.

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